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Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen – oder?

Das ist einer der Sätze, die man als Veganer häufiger hört: „Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen.“, gerne in der Kombination mit „Der Mensch braucht Fleisch.“

Mit diesem Blog Artikel beleuchten wir, was diese Aussage überhaupt bedeutet und stellen sie den Kontext mit der heutigen Zeit. Du erfährst in dem Artikel:

  • Wer dieser Mensch früher war
  • Wie sich der Mensch früher ernährt hat
  • Wie sich die Menschen heute ernähren
  • Was das für unsere individuelle Ernährungsentscheidung bedeutet

Der Speiseplan war und ist überall gleich

Grundsätzlich weiß die Forschung nicht im Detail, wie sich die Menschen früher – und ich spreche hier von bis zu ein paar Millionen Jahren früher – ernährt haben. Und es war nicht stets gleich, denn in dieser sehr langen Zeitspanne hat sich die Ernährung immer wieder verändert, z.B. wegen tiefgreifenden Klimaveränderungen, denen der Mensch ausgesetzt war. Auch ernähren sich die Menschen in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich. Das heißt, es war – und ist heute – nicht immer und überall gleich.

Daraus können wir den ersten Trugschluss ableiten, auf dem die Aussage „Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen“ beruht, und zwar dass der Mensch sich an eine spezifische Ernährung angepasst hat. Das war weder früher so, noch ist es heute so. Der Mensch war und ist sehr anpassungsfähig, auch was seine Ernährung angeht. Das werden wir im Laufe des Kapitels sehen.

Die Evolution des Menschen

Uns als Homo sapiens sapiens gibt es seit ca. 30.000 Jahren auf der Erde. Unsere direkten Vorfahren sind die Hominini, deren typische Merkmale der Gang auf zwei Beinen und kleinere, stumpfe Eckzähne waren.
Wir schauen uns von einigen ausgewählten Menschenarten die Ernährungsweisen an.

Bild-Quelle: Britannica.com

Der Australopethicus

Der Australopithecus war der erste Vertreter des Tribus Hominini und lebte vor ca. 4,4 Millionen Jahren im heutigen Afrika. Auf seinem Speiseplan standen hauptsächlich:

  • harte, faserige Pflanzenteile
  • möglicherweise Speicher- und Wurzelknollen
  • geringe Mengen tierische Nahrung

Er benutzte bereits einfache Steinwerkzeuge, wahrscheinlich um erlegte Tiere zu zerteilen. So konnte die pflanzliche, kalorienarme Ernährung mit kalorienreichem Fleisch und Knochenmarkt angereichert werden.
Es folgten weitere Entwicklungen des Australopethicus, die hier aber nicht weitere relevant sind.

Bild-Quelle: Britannica.com

Der Homo habilis

Der Homo habilis, der vor ca. 1,8 Millionen Jahren in Ostafrika lebte, hatte noch viel gemeinsam mit den Arten der Australopethicinen. Der Hauptteil ihrer Nahrung bestand weiterhin aus Pflanzen, der Fleischanteil nahm aber schon zu, wobei dieses eher aus Aas bestand als auch gejagten und erlegten Tieren.

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Der Homo erectus

Es folgte vor ca. 1,9 Millionen Jahren der Homo erectus, der für ca. 1,7 Millionen Jahre in Afrika lebte. Er und die folgenden Homo-Arten hatten kleinere Backenzähne und nahmen weichere, energiedichtere Nahrung zu sich als noch der Australopithecus. Ansonsten bestand ihre Nahrung wie beim Homo habilis aus pflanzlichen und tierischen Produkten. Neben dem Aas kamen nun auch auf der gemeinsamen Jagd erlegte Tiere auf den Speiseplan.

Bild-Quelle: justnotsaid.blogspot.com

Der Homo heidelbergensis

In Europa entwickelte sich der Homo erectus zum Homo heidelbergensis, aus dem später der Neandertaler hervorgehen soll. Der Homo heidelbergensis war unserem heutigen Menschen sehr ähnlich was Körperbau, Zähne und kognitive Fähigkeiten angeht. Er benutzte fortschrittliche Steinwerkzeuge, erlegte große Säugetiere wie Wildrinder, Elefanten oder auch Bären und konnte den Einsatz von Feuer kontrollieren. Das macht ihn zu einer besonderen Art, denn er war der erste Mensch, der seine Nahrung kochte.

Bild-Quelle: Britannica.com

Der Homo neanderthalensis

Der Homo neanderthalensis lebte vor ca. 230.000 Jahren in Europa und Vorderasien. An das extreme Klima der Eiszeit, in der er lebte, war sein Körper sehr gut angepasst (kleiner, untersetzt, schweres Skelett und starke Muskulatur, relativ kurze Gliedmaßen etc.).
Er ging gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern auf die Jagd nach Bären, Mammuts, Wildpferde, aber auch Hasen und Füchse. Seine Nahrung bestand zu 90% aus Fleisch. Es wird vermutet, dass viele Neandertaler wegen des geringen Pflanzenanteils in ihrer Nahrung an Atrithis (Gelenkentzündung) litten. Sie wurden mit max. 40-45 Jahren nicht besonders alt.

Bild-Quelle: Britannica.com

Der Homo sapiens

Und damit sind wir beim Homo sapiens angekommen, der seit ca. 200.000 Jahren lebt. Ihn zeichnen unter anderem eine fortschrittliche Kultur sowie ein überlegenes Sozialverhalten aus. Bei der Ernährung bleibt es allerdings, wegen der klimatischen Gegebenheiten der Eiszeiten, bei einem hohen Fleischanteil, der allerdings mit Beeren, Nüssen und anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln erweitert wurde. Außerdem kam Fisch auf seinen Speiseplan. In der Winterzeit ernährte es sich hauptsächlich von getrocknetem oder geräuchertem Fleisch.

Wir sehen also, dass Fleisch immer schon eine Rolle im Speiseplan der Menschen gespielt hat. Besonders bei den letzten beiden Arten – dem Homo sapiens und dem Homo neanderthalensis – hat die Bedeutung von Fleisch zugenommen. Wobei man hierbei berücksichtigen muss, dass beide Arten während einer Eiszeit lebten, in der das Angebot an pflanzlichen Nahrungsmitteln knapper war.

Und eine weitere Sache muss man bedenken: Nur weil die Menschen früher etwas gemacht haben, heißt das nicht,

  1. dass es gesund war oder heute wäre
  2. dass es ethisch vertretbar war oder heute wäre
  3. dass wir es heute noch so machen müssen.

Wir können uns weiter entwickeln, was unsere Smartphones angeht, unsere Autos, unsere Häuser. Warum nicht auch bei der Ernährung?

Wie wir uns heute ernähren

Die Aussage „Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen“ stimmt also in ihrer Grundaussage. Sie muss allerdings auch in den heutigen Kontext gesetzt werden.

Denn wir leben heute in einer ganz anderen Welt als die Menschen damals. Wir haben uns in so vielen Bereichen verändert. Auch unsere Ernährung hat sich verändert und kann für die industrialisierten Länder folgendermaßen beschrieben werden:

  • Weißmehl/ Auszugsmehle statt Vollkornmehle
  • Viel zugesetzter Zucker
  • Raffinierte und Omega-3-arme Speiseöl
  • Viel Fleisch und andere tierischen Produkte aus der Massentierhaltung
  • Stark verarbeitete Lebensmittel, die i.d.R. viel Fett, Zucker und Salz beinhalten
  • Wenige pflanzliche Lebensmittel, die kultiviert wurden und in der Masse angebaut werden

Das hat – ganz offensichtlich – nicht viel gemeinsam mit der Ernährung der Menschen vor Tausenden, 10-Tausenden, 100-Tausenden von Jahren.

Menschen in anderen Regionen der Welt – wir sind immerhin ca. 7,7 Milliarden Individuen, die sich auf ca. 128 Millionen Quadratkilometern bewohnter Fläche verteilen – ernähren sich ganz anders:

  • Es gibt die Inuit, die in den arktischen Regionen Kanadas und Grönland leben, wo kaum ein Pflänzchen wächst und die sehr viel Fisch und Meerestiere verzehren.
  • Es gibt die Japaner, für die es bis ins 15. Jahrhundert verboten war, Säugetiere zu essen, und deren traditionelle Ernährung pflanzenbasiert und relativ fettarm ist.
  • In den ländlichen Regionen Chinas wird ebenfalls pflanzenbasiert, relativ fettarm und ballaststoffreich gegessen.
  • In der Grenzregion von Kenia und Tansania leben die Massai, die traditionell sehr viel Kuhmlich, Rinderblut und Rindfleisch essen.

Wir haben also ganz unterschiedliche klimatische, kulturelle, gesellschaftliche und religiöse Rahmenbedingungen, in denen sich der Mensch bewegt und ernährt. D.h. der Mensch war und ist sehr flexibel und anpassungsfähig, um sein Überleben zu sichern. Und „überleben sichern“ ist nicht gleich bedeutet mit „langfristiger Gesundheit“, sondern es bedeutet „Leben, bis zur Fortpflanzung“, um seine Gene weiterzugeben.

Warum also „Der Mensch hat schon immer…“?

Mit diesen Informationen im Kopf stelle ich mir unweigerlich die Frage: Warum sollte ich mich heute im 21. Jahrhundert wie ein Neanderthaler oder ein früher Homo sapiens ernähren, wenn es nachweislich schlecht für die Gesundheit, die heutige Umwelt und die Tiere ist, und sich darüber hinaus mein Leben auch in vielen anderen Bereichen weiterentwickelt hat?

Ich denke, die Aussage „Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen (und deswegen mache ich das auch so)“ wird häufig als Schutzschild genutzt, um nichts ändern zu müssen. Denn wenn man sich die zahlreichen Studien zum Gesundheitszustand der Menschen anschaut, sind die gesundheitlichen Nachteile, die unsere heutige Ernährung und besonders der heutige Verzehr von tierischen Produkten mit sich bringt, eindeutig. Und auch die Folgen der intensiven Tierhaltung, aus der der Großteil (98%) der tierischen Lebensmittel stammen, sind nicht klein zu reden – sowohl für die Tiere selbst als auch für unsere Umwelt und die Menschen, die darunter leiden.

Aber Veränderung ist unangenehm. Manche sehen es vielleicht auch als ein „Früher habe ich etwas falsch gemacht.“ und wollen sich das nicht eingesehen. Ein solcher Gedanke ist natürlich überhaupt nicht hilfreich, um Veränderung in Gang zu bringen, nicht nur bei einer Ernährungsumstellung.

Es ist normal, Angst vor Veränderung zu haben. Denn das Neue ist unbekannt, man muss Neues lernen, alte Gewohnheiten fallen lassen und neue aufbauen. Das ist nicht immer leicht. Wir passen uns ständig in so vielen Bereichen unseres Lebens an und entwickeln uns weiter, warum also nicht auch bei der Ernährung?


Quellen:

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